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Zuvorkommender Zug

STORIESPosted by Ulrike 12 Dec, 2010 21:27
10.03. 2009

Was fällt Ihnen spontan bei „Deutsche Bahn“ ein? Genau: Irgendwas ist immer! Mal wird gebaut, dann wieder gestreikt, der Zug fällt aus, der Nachbar schnarcht, Grippewelle, Finanzkrise etc. Irgendwas ist jedenfalls immer! Und so nahm ich die Nachricht, dass sich die Fahrtzeit auf der bisher angenehm kurzen Strecke Berlin-Hamburg aufgrund von Bauarbeiten nun um satte 40 Minuten verlängert, erstmal emotionslos zur Kenntnis, denn irgendwas war ja schließlich immer…

Herr Mehdorn würde an dieser Stelle vermutlich argumentieren, dass sich die Fahrtzeit zwar verlängert, das Ticket aber nicht mehr kostet, das heißt, man bekommt jetzt mehr Bahn fürs gleiche Geld. Wie auch immer, ich musste die Strecke fahren und erlebte bei der Deutschen Bahn plötzlich ganz neue Züge.

Als zugegebenermaßen unaufmerksamer Zuhörer der Borddurchsagen vernahm ich im Zuge des Begrüßungsgeplänkels irgendetwas von Snacks und Getränken in, wie ich annahm, der ersten Klasse. Für die zweite Klasse würde wahrscheinlich wieder ein Praktikant reichen müssen, der überteuerte Schokoriegel und Kaffee feil bot und für weitere Wünsche das gesamte Sortiment mit Preisen auf seinem Rücken zu stehen hatte (was im Übrigen wenig hilfreich ist, wenn er es selbst nicht auswendig kennt).

Nachdem ich mich also leicht desillusioniert wieder meiner Lektüre zugewandt hatte, betraten zwei Mitarbeiter der Deutschen Bahn mit einem Servicewagen das Abteil und fragten jeden Gast ungewohnt freundlich, ob er einen Snack und ein Getränk wünsche. Ich war baff und nahm alles. Schließlich war es im Preis inbegriffen und schon der Volksmund weiß: ‚Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul!’, auch wenn dieses Angebot „nur“ aus einem Baguette und wahlweise Wasser oder Orangensaft bestand. Immerhin! Sollten die Bauarbeiten länger andauern, kann man immer noch über die Aufnahme von Tomatensaft in das Sortiment nachdenken, um Vielflieger nicht aus der Bahn zu werfen…

Ich fand das jedenfalls einen netten Zug, leider nur so lange, bis alles verzehrt war und sich die Langeweile ihren Weg zu mir bahnte. Da merkte ich plötzlich, wie lang 40 Minuten tatsächlich waren. Bevor sich jedoch Unmut über diese Tatsache breit machen konnte, erschien ein weiterer Serviceengel und bot Pralinen an, die in der Tat die Wartezeit versüßten. In diesem Moment machte es mir nämlich kaum noch etwas aus, dass die obligatorische Verspätung von fünf Minuten mit einem stammelnden: „….aufgrund…von….wegen….DER Bauarbeiten...“, entschuldigt wurde, mit einem Unterton, der besagte: „Fünf Minuten machen den Kohl jetzt auch nicht mehr fett und der Grund ist eigentlich auch egal.“ Da soll noch mal jemand behaupten, Schokolade wäre nicht gut fürs Gemüt!


In dieser neckischen Box verbargen sich die bahnbrechenden Stimmungsaufheller...

Allerdings türmte sich mittlerweile auch der Müll auf meinem Klapptisch, und als ich mir gerade eine Strategie überlegte, wie die gesamten Verpackungen und die meines Nachbarn in die kleine Müllbox passen könnten, schwebte schon eine Mitarbeiterin mit Müllsack durch den Gang und sammelte alles ein. Ab dem Moment genoss ich die Fahrt in vollen Zügen…

Scheuen Sie sich also nicht, mal wieder Bahn zu fahren, denn Sie wissen ja: irgendwas ist immer... Jetzt sind Sie am Zug!