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In der S-Bahn

STORIESPosted by Ulrike 10 Aug, 2012 18:52
10.08.2012

Ich freute mich auf eine halbe Stunde lesen und abschalten. Die S-Bahnstrecke vom Bahnhof Südkreuz zum Bahnhof Schönhauser Allee bot sich dafür an. Fahrradfahren war bei diesem Wetter und dem ganzen Gepäck keine Alternative, Autofahren um diese Tageszeit auch nicht. Diese Variante fiel auch schon deshalb aus, weil ich gar kein Auto hatte...

S-Bahn fahren dagegen ist günstig und umweltfreundlich. Außerdem muss man sich in der S-Bahn nicht so konzentrieren und fährt entspannt von A nach B. Dachte ich.

Schon auf dem Bahnsteig (und wer Südkreuz kennt, weiß, von welchen Dimensionen wir reden) schallte mir eine aufgebrachte Mädchenstimme entgegen: „... aber isch bin doch deine kleine Schwester! Ich will, dass du auch mal an deine kleine Schwester denkst...“ So und so ähnlich brüllte sie immer weiter in ihr stylisches Handy. Die „kleine“ Schwester war ungefähr 25 Jahre alt, ca. 1,68 groß und wog mindestens zwei Zentner..

Als der Zug endlich einfuhr, wählte ich bewusst eine Tür weit entfernt von der telefonierenden Schwester. Wie ich später merken sollte, nutzte mir das nicht nur nichts, sondern ich wurde beim Einsteigen auch noch fast von einer aufgebrachten und wild gestikulierenden Frau umgerannt, die schreiend offensichtlich auf der Flucht vor ihrem hinter ihr her rennenden Mann war. Oha, da hatte ich offensichtlich etwas verpasst. Der Mann knöpfte sich im Laufen noch das Hemd zu – da schien ja ziemlich was abgegangen zu sein! Wie es weiter ging, bekam ich leider nicht mehr mit, wohl aber, dass sich die Bahnhofsaufsicht in das Gezanke einmischte, um evtl. (weitere) Handgreiflichkeiten zu verhindern.

Fast hätte ich vor Verblüffung den Zug verpasst, sprang aber in letzter Sekunde noch hinein und bekam sogar einen Sitzplatz! Warum allerdings ausgerechnet dieser eine Platz noch frei war, sollte ich bald merken. Auf dem Nachbarsitz saß oder besser gesagt hing ein Typ, der nicht nur sehr streng roch, sondern schlafenderweise auch immer weiter in meine Richtung rutschte.

Noch darauf konzentriert, ihn möglichst nicht zu berühren und im schlimmsten Fall seinen Geruch anzunehmen, hörte ich sie auf einmal wieder durch das Abteil brüllen: „..aber isch bin deine Schwester. Nicht irgendein Andy. Wer ist eigentlich Andy? Andy ist ein Niemand, ein Nichts! Isch bin deine kleine Schwester..“. Dass sie damit mittlerweile das ganze Abteil unterhielt, schien sie nicht zu stören. Ein Mann im mittleren Alter mischte sich in ihr Telefonat ein, indem er ihr sagte, dass er sie liebe. Sie reagierte darauf gleichermaßen schlagfertig wie charmant mit einem liebenswürdigen „Halt die Schnauze!“.

Das hinderte den Mann jedoch nicht daran, ihr beim Aussteigen noch Kusshändchen nachzuwerfen, wobei er leider einen Studenten übersah, der mit seiner Schnellimbiss-Asia-Box gerade in den Zug stieg. Der kam daraufhin ins Taumeln und fiel fast über mich, die ja mittlerweile nur noch auf einer kleinen Ecke der Sitzbank saß. Glücklicherweise kippte sein Essen nicht auf, sondern neben mich auf den Sitz. Anhand der Reste auf meinem Schuh konnte ich später noch gebratene Nudeln identifizieren. Der Student schimpfte dem Mann hinterher, und ich hatte endlich einen triftigen Grund, meinen Sitz zu verlassen, ohne den müffelnden Nachbarn zu kompromittieren, der allerdings sowieso schlief und von allem nichts mitbekam. Der Glückliche!

Kurz darauf stieg ein Obdachloser ein, der den „Straßenfeger“ verkaufte. Da es im Abteil mittlerweile sehr still geworden war, weil alle Leute unfreiwillig dem lauten Gemotze der Schwester zuhörten, war sein Text eine willkommene Abwechslung zu ihrem Gekeife, und er wurde tatsächlich die ein oder andere Zeitung los. Das muss der Umsatz seines Lebens gewesen sein! Ich kaufte ihm aus Dankbarkeit sogar gleich 2 Zeitungen ab und schenkte eine davon dem armen Studenten, der zwar nun nichts mehr zu essen, dafür aber jetzt wenigstens was zu lesen hatte. Vielleicht lenkte ihn das ja ein wenig von seinem Hunger ab.

Die Schwester dagegen war nicht mehr zu bremsen: „..und isch frage dich, nein isch frage mich, also isch frage dich..“ Da sie offensichtlich selbst nicht mehr wusste, wen sie was fragen wollte, beendete sie das Telefonat mit ihrem Bruder und wählte eine neue Nummer, um der Person am anderen Ende der Leitung in aller Ausführlichkeit zu erzählen, wie schlecht sie sich von ihrem Bruder behandelt fühlte. Da ich die Geschichte ja nun schon in allen Einzelheiten kannte, setzte ich mich auf einen mittlerweile frei gewordenen Platz und wollte gerade endlich mein Buch rausholen, als ich die Durchsage hörte „Sehr geehrte Fahrgäste. Aufgrund von Gleisbauarbeiten ist die Zugverbindung zwischen Landsberger Allee und Schönhauser Allee unterbrochen. Wir haben für Sie einen Ersatzverkehr mit Bussen eingerichtet. Wir bitten um ihr Verständnis!“

Die Hoffnung, in einem Bus, in den die Fahrgäste eines ganzen S-Bahn Zuges gequetscht werden, einen Sitzplatz zu kriegen geschweige denn entspannt mein Buch lesen zu können, erstarb im selben Moment.

S-Bahn fahren hat sicherlich Unterhaltungswert. Dass man sich dabei jedoch entspannen kann, halte ich für ein Gerücht.

Dieser Hinweis wäre meiner Meinung nach aus verschiedenen Gründen auch in der Berliner S-Bahn angemessen...