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Errungenschaften der Neuzeit

STORIESPosted by Ulrike 07 Apr, 2012 17:09

06. 04. 2012

Neulich kam die dreijährige Tochter meiner Freundin mit einem I-Pad in der Hand auf mich zu, „touchte“ sich völlig selbstsicher durch sämtliche Menüs und führte mir die verschiedenen Kapitel ihres Lieblingsfilms „Heidi“ vor. Selbstverständlich konnte sie mir auch alle anderen Filme und Fotos zeigen, die ihre Mutter auf dem Gerät gespeichert hatte – und das mit gerade mal drei Jahren! Ich war kurz davor, sie zu bitten, mir doch schnell noch mein Bahnticket im Internet zu buchen, wo sie das Gerät schon mal in den Händen hielt..

Andererseits habe ich vor ein paar Tagen versucht, meinem Vater sein neues Handy zu erklären. Ich betone – ich habe es versucht. Ich zeigte ihm die verschiedenen Möglichkeiten, die dieses Telefon zu bieten hatte. Nachdem ich jedoch bei der zweiten Funktion angekommen war, die nichts direkt mit telefonieren zu tun hatte, lehnte er dankend ab und meinte, sein altes Handy sei doch eigentlich noch gar nicht so schlecht...

Was sagt uns das? Denken wir zu kompliziert, um die eigentlich kinderleichte Technik auch in Zukunft noch zu verstehen? Oder kommen wir irgendwann tatsächlich nicht mehr mit? Wo ist die Grenze zwischen technischen Innovationen, die uns das Leben erleichtern, und überflüssigen Spielereien, die vom eigentlichen Leben ablenken?

Mir drängt sich jetzt schon die Frage auf, wie wir früher ohne diese ganzen technischen Möglichkeiten eigentlich überleben konnten. Dabei ist das noch gar nicht so lange her. Ich kann mich noch gut erinnern, dass meine Eltern zu meiner Schulzeit überhaupt kein Telefon zu Hause hatten. Und ich habe es trotzdem geschafft, mich mit meinen Freunden zu verabreden. Man sollte es nicht glauben – wir haben uns sogar immer getroffen, obwohl wir vorher nicht schnell noch mit dem I-Phone den Treffpunkt googeln konnten. Ja, diese Treffen waren zuverlässig, denn absagen war schwierig ohne Telefon und die ach so praktische sms Funktion. Man musste sich festlegen – können wir das heute überhaupt noch?

Bei der Gelegenheit fällt mir eine weitere Errungenschaft der Neuzeit ein, die sich immer mehr durchzusetzen scheint. Eine Freundin, die viel reist, schwört auf das e-book: mehr als 500 Bücher könne sie darauf speichern, und für die Nacht hätte dieses Buch sogar eine Leselampe! Ja, bei 500 Büchern bräuchte ich vermutlich auch eine Lampe, denn die Tageszeit alleine reicht ja dafür nicht mehr aus.. Ich bin schon froh, wenn ich es schaffe, das eine Buch, was ich immer in der Tasche habe, von Anfang bis Ende zu lesen. Werden wir unseren Enkeln irgendwann erklären müssen, was ein richtiges Buch ist und dass es mal Bibliotheken gab – also ganze Räume, die so viele Bücher fassten, wie man dann auf einem gerade mal 100 Gramm schweren Minigerät speichern kann? Das klingt für mich jetzt schon absurd.

Längst vergessen scheinen auch die Zeiten, als man noch stundenlang in CD-Läden stand, auf der Suche nach seiner Lieblingsmusik. Gibt es überhaupt noch CD-Läden? Und wenn ja – wer kauft heute noch CD’s aus einem anderen Grund als Nostalgie? Zu meiner Zeit gab es sogar noch Schallplatten und Kassetten. Der erste Kassettenrekorder der DDR, der SKR 700, war eine Sensation! Ganze Nachmittage lang haben wir vor dem Radio gesessen und darauf gewartet, dass unser Lieblingssong gespielt wurde, damit wir ihn endlich aufnehmen und dann immer wieder hören konnten. Und wehe, jemand kam genau in diesem Augenblick zur Tür herein und zerstörte die Aufnahme... Fast genauso schlimm war Bandsalat. Trotzdem haben wir konsequent unseren Lieblingssong immer so lange rauf und runter gehört, bis die Kassette irgendwann leierte..

Das ist heute anders. Heute kann man mitten in der Nacht aus dem Bett heraus im Internet Musik runterladen, die dann auch noch wie von Zauberhand auf alle mobilen Geräte übertragen wird. Natürlich in bester Qualität! Dazu muss man noch nicht einmal aufstehen, geschweige denn in einen Laden gehen. Es reicht ein einfacher Klick - von der Idee bis zur Umsetzung in weniger als einer Minute! Zack! Mittlerweile können wir mehrere hundert Musiktitel, ja ganze Big Bands in der Hosentasche mit uns herumtragen! Aber wissen wir auch noch, wie es sich anfühlt, wenn man endlich, nach langem, sehnsüchtigen Suchen den einen Titel gefunden hat, mit dem man ein ganz bestimmtes Gefühl verbindet?

Die Frage, die mich letztendlich am meisten beschäftigt, ist jedoch - was machen wir mit der ganzen Zeit, die wir durch den technischen Fortschritt gewonnen haben? Jetzt, wo alles immer einfacher wird, müssten wir doch unendlich viel Zeit haben - warum hetzen wir trotzdem immer mehr durch’s Leben?

Ich glaube, es könnte vielleicht daran liegen, dass wir uns jetzt täglich auch noch um unsere 2568 Freunde bei Facebook kümmern müssen...