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Frühlingsgefühle

STORIESPosted by Ulrike 21 Apr, 2011 00:03
20. 04. 2011

Frühling in Berlin. Die ersten Tage mit Temperaturen über 20 Grad und Sonne satt. Die Stadt dreht durch. Alles rennt aus den Häusern, drängt sich auf den Straßen und in den Cafés. Sonnenplätze sind rar und hart umkämpft. Wer keinen Balkon oder kein Café in der Nähe hat, stellt sich einfach einen Stuhl vor die Tür auf den Bürgersteig. Mitten an der Kreuzung. Hauptsache draußen. Das ist Berlin: geht nicht gibt’s nicht. Man wird kreativ. Die wenigen Grünflächen sind als solche kaum noch zu erkennen, zu viele Menschen drängen sich auf ihnen. Volksfestcharakter herrscht in der Stadt, auch ohne Fest. Der Mauerpark zieht Menschen aus der ganzen Welt an, nur laufen kann man nicht vor lauter Gedränge. Fast wie damals, auf ner Demo. Vielleicht ist es das, was die Leute in den Osten zieht. Authentizität nennt man das wohl. Oder Ostalgie.

Auch das riesige Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof verwandelt sich in eine einzige Grill-, Skate- und Radelfläche. Selbst ne Speaker`s Corner gibt es, wo jeder, der sich selbst gerne reden hört, mal was sagen darf. Und zu sagen hat ja irgendwie jeder was.

Ich frage mich: wo waren all diese Leute im Winter? Bei manchen sieht man es deutlich: Unmengen von jungen Müttern bevölkern die Parks. Da weiß man wenigstens, was die im Winter gemacht haben. Die waren fleißig und zeigen nun voller Stolz ihr Produkt.

Bei allen anderen setzt im Frühjahr eine andere Art der Schaffenskraft ein: es wird renoviert, gebaut und erneuert was das Zeug hält. Die Frühlingssonne scheint jedes Jahr aufs Neue ungeahnte Kräfte in den Menschen frei zu setzen, die dazu führen, alles bisher Gewesene als alt und nichtig zu erklären und jetzt aber mal richtig neu durchzustarten. Frühjahrsputz oder Feng Shui (übersetzt: „weg mit dem Mist, jetzt kommt was Neues“) lautet die Devise. Das führt nicht selten zur Trennung von über Jahre lieb gewonnenen Dingen – von Klamotten über Möbel bis hin zum Lebenspartner. Aber warum dieser blinde Aktionismus immer im Frühling? Was passiert da mit uns Menschen?

Gut, nach einem langen und kalten Winter ist es verständlich, dass man keine Lust mehr hat, ständig mehrere Kleidungsschichten übereinander zu ziehen und sich zu verhüllen. Aber ich bezweifle, dass jeder vor der Entblätterung genau hinschaut, was da unter seinen ganzen Klamotten eigentlich zum Vorschein kommt. Mal ehrlich – der Frühling ist doch die Jahreszeit, wo man generell am unvorteilhaftesten aussieht. Nach Monaten ohne Licht und Sonne ist der Begriff „vornehme Blässe“ noch nett ausgedrückt. Gepaart mit dem stets vorhandenen und hartnäckigen Winterspeck bringen die fröhlichen Sommerfarben meistens nur die anderen zum lachen. Das ist übrigens ein Grund, warum ich im Frühling immer schlechte Laune habe. So, nun ist es raus. Aber es ist doch wahr. So schön der Frühling in all seiner Blüte auch anzuschauen ist (Allergiker können sogar genau die Pflanzenart bestimmen, die gerade blüht), er bringt doch nur Probleme mit sich.

Erstes Problem: was zieht man an oder aus bzw. was kann man anderen Leuten überhaupt zumuten, sich anzuschauen? Zu den oben genannten Punkten kommt noch, dass man stets daran denken muss, sich die Beine zu rasieren, die Füße, ein über Monate vernachlässigter Teil unseres Körpers, zu pediküren, Sonnencreme aufzutragen, was mit zunehmendem Alter immer essentieller wird und außerdem immer eine Sonnenbrille für die Anonymität sowie eine Jacke für die kühlen Nächte dabei zu haben. Das ist im Winter einfacher: draußen – Jacke an, drinnen – Jacke aus. Fertig. Und wenn man mal zu viel gegessen hat, einfach einen langen Pullover drüber. Im Frühling musst du jedes Mal eine Schwangerschaft vortäuschen.

Zweites Problem: die Betriebsamkeit. Plötzlich werden alle lang gehegten guten Vorhaben in die Tat umgesetzt. Jeder joggt, skatet, radelt oder rennt sonst irgendwie durch die Gegend, nur um sich an frischer Luft sportlich zu betätigen und die vorgenommenen 10 Kilo vom Winter wieder abzuspecken. Manche kaufen sich eigens dafür sogar einen Hund. Für die Motivation. Denn wenn der muss, dann muss man auch - raus und rennen. Ich habe da aber gar keine Lust drauf. Und schon – zack – kriegt man ein schlechtes Gewissen. Denn schließlich machen das ja alle so.

Drittes Problem: wenn draußen die Sonne scheint, will ich draußen sein. Das liegt scheinbar in des Deutschen Natur, weil die Sonne ja so selten scheint. Hat man aber was zu tun, stellt sich sofort das schlechte Gewissen ein, und zwar immer! Gehst du deinem Gefühl nach und nach draußen, schreit das schlechte Gewissen: Du sollst arbeiten! Bleibst du drinnen und arbeitest brav, brüllt es: Geh raus bei dem schönen Wetter! Fazit: permanent schlechtes Gewissen. Da hab ich doch lieber trübes Wetter - kein schlechtes Gewissen und die Arbeit wird gemacht.

Schließlich gibt es ja auch noch die Wochenenden und Feiertage. Da könnte man dann ja mal ohne schlechtes Gewissen raus – denken sich alle anderen auch. Und so verbringt man die freien Tage dann im Stau auf der Autobahn oder in überfüllten Zügen. Immerhin scheint da dann die Sonne noch zum Fenster rein und es ist sogar windgeschützt. Alternativ steht man mit dem Fahrrad im Smog oder sucht vergebens nach einer Abstellmöglichkeit für den Drahtesel, der in diesen Tagen nicht selten zum Packesel mutiert, weil man ja für alle Gelegenheiten gewappnet sein muss.

Fazit: Frühling ist nur dann schön, wenn man sich darauf vorbereiten kann. Also warte ich die erste Sonnenwelle ab und gehe erst später raus. Dann bin ich gut vorbereitet, habe kein schlechtes Gewissen mehr (schließlich ist ja schon seit Wochen schönes Wetter) und die erste Betriebsamkeit hat sich auch etwas gelegt. Falls nicht, gehe ich einfach bei Regen raus. Da kann ich mich anziehen, wie ich will, und ich habe definitiv meine Ruhe.