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Istanbul mal anders

STORIESPosted by Ulrike 12 Dec, 2010 21:46
04. 11. 2010

Wenn sie bereits in Istanbul waren und diese turbulente Stadt einmal hinter der Touristenfassade kennen lernen wollen, dann empfehle ich Ihnen eine organisierte Fahrradtour zum Sonnenaufgang – ich verspreche Ihnen ein Erlebnis, was Sie so schnell nicht vergessen werden!


Man muss sich das folgendermaßen vorstellen: um 04.30 trifft sich eine Gruppe von Menschen, die so hoch motiviert, wie man um diese Uhrzeit nur sein kann alle auf die gleichen Fahrräder steigen, mit den gleichen Helmen auf den Köpfen (Safety first!) und den gleichen Rucksäcken auf den Rücken (Proviant und Diverses, um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein)! In unserem Fall wurde nach der obligatorischen Einweisung noch der ein oder andere Mitfahrer aussortiert (man sollte ein Fahrrad eben nicht nur von der Wii kennen, sondern tatsächlich ohne Stützräder bereits einmal unfallfrei gefahren sein..), bevor die Tour in verschiedenen Gruppen startete. Einheimische, die sich gerade von einer durchzechten Nacht auf dem Heimweg befanden, werden nach unserem Anblick vermutlich dem hochprozentigen Alkohol für längere Zeit abgeschworen haben.

Der erste Stop auf unserer Tour war auch direkt schon das Highlight des Ausflugs: der Sonnenaufgang über dem Bosporus. Leider war dieser Programmpunkt zeitlich begrenzt, obwohl sich allein dafür das Aufstehen schon gelohnt hatte. Danach begann jedoch die eigentliche (Tor-)Tour. Auf den folgenden fünf Stunden galt die Devise „der Weg ist das Ziel“, und der bestand hauptsächlich aus winzigen Straßen die permanent bergauf zu führen schienen und unendlich vielen Sackgassen, die einen immer dann zum Umkehren zwangen, wenn man gerade oben auf dem Berg angekommen war. Istanbul live – wie es gerade erwachte und wie es sicherlich noch kein Tourist nüchtern erlebt hat. Echter türkischer Kaffee, der auch den letzten verschlafenen Radfahrer aus dem Koma erweckte sowie die wichtigsten Sehenswürdigkeiten (für’s Foto mal ohne Touristen davor) standen ebenfalls auf dem Programm.

Das Highlight der Tour: der Sonnenaufgang über dem Bosporus (li). Der Kopfschmuck dieses Einheimischen (re) wurde später unser Frühstück..

Ich bekam einen völlig neuen Eindruck von der 14 Millionen Stadt, die um diese Zeit des Tages ungewöhnlich friedlich und verschlafen wirkte. Dieser Eindruck entstand allerdings nicht zuletzt dadurch, dass in einigen Gassen tatsächlich Menschen ihren Rausch ausschliefen und man schnell vorbei fuhr, weil man sich nicht sicher sein konnte, ob sie tatsächlich nur schliefen...

Mit der unheimlichen Ruhe war es schlagartig vorbei, als wir ein weiteres Highlight der Tour erreichten – den großen Basar. Aha, dachte ich, hier waren also alle versammelt und wir mittendrin in unserer Aufsehen erregenden Fahrradmontur, die uns auch mit viel Fantasie immer noch als Fremdkörper entlarvte. So konnten wir uns der Opferrolle kaum entziehen und reihten uns ein in den Pulk der Feilscher und Pfennigfuchser. Und davon gab es selbst um diese Uhrzeit mehr als genug, denn der Basar steht auf dem Ausflugsprogramm sämtlicher Reiseunternehmen, die Touristen in die zweigeteilte Stadt transportieren. Hier bekommt man so ziemlich alles, vorausgesetzt, man versteht zu handeln. Dabei ist der Einsatz nicht nur von Händen und Füßen sondern des gesamten Körpers erlaubt und zweckmäßig.

Am Ende kehrte dann der ein oder andere schlaue Tourist als stolzer Besitzer einer fast geschenkten (aber natürlich echten!) Rolex oder eben ohne eben solche zurück, falls er sie vorher noch am Handgelenk hatte. Des einen Freud ist eben manchmal des anderen Leid. Immerhin war es für die Unbeteiligten sehr unterhaltsam..


Als wir gegen Mittag den Rückweg antraten, hatte ich das Gefühl, bereits mehrere Tage Istanbul erlebt zu haben, und zwar hautnah. Und zur Unterhaltung der türkischen Bürger haben wir gleichzeitig auch noch beigetragen. Unvergessen bleiben die verständnislosen Gesichter der Einheimischen, die viel sagende Blicke tauschten, wenn wir sie passierten. Fahrrad fahren in Istanbul ist eben etwas anders und in etwa vergleichbar mit Nordic Walken in der Karibik – für Einheimische nicht nachvollziehbar, aber ein unvergessliches Erlebnis für Touristen. Probieren Sie es einfach mal aus! Und wenn’s dann nichts war, kann man immer noch Raki trinken…